Vom ersten Stein zum eigenen Label
Portrait Assiral Jewelry
Larissa Stryffeler über Mut, Selbstzweifel und den Weg zu ihrem Schmucklabel Assiral Jewelry. Was in einer schwierigen Phase begann, wurde Schritt für Schritt zu einem eigenen Projekt. Sie zeigt, wie viel Mut es braucht, einfach anzufangen, warum Zweifel dazugehören – und wieso Perfektion völlig überschätzt ist.
Die Frau hinter Assiral Jewelry
Wenn Larissa über sich selbst spricht, fallen drei Worte ziemlich schnell: lösungsorientiert, neugierig und fröhlich. Es ist diese Mischung, die sich durch ihre ganze Geschichte zieht. Eine Person, die schnell für Neues brennt, die ausprobiert, beobachtet – und die gleichzeitig sehr bewusst durchs Leben geht. «Meine Umwelt liegt mir am Herzen», sagt sie. «Die Natur, aber auch die Menschen um mich herum.»
Diese Verbindung zur Natur zieht sich durch ihr Leben. Heilkräuter, Wildpflanzen – Dinge, die wachsen und sich verändern. Dazu kommt Bewegung, Yoga, dieses Gefühl, bei sich selbst anzukommen. Und dann ist da noch etwas, das schon sehr früh sichtbar war: ihre Kreativität. Larissa lacht, wenn sie sich an ihre Kindheit erinnert. «Ich sass oft in meinem Zimmer, überall kleine Schnipsel. Und in der Hand hielt ich dann dieses winzige Scherenschnitt-Kunstwerk.» Das Chaos rundherum war oft grösser als das Ergebnis. Was sie schon damals fasziniert hat, waren die kleinen Dinge. «Ich arbeite heute noch lieber mit dem kleinsten Stein als mit einem grossen.»
Ein stiller Wendepunkt
Der Moment, der alles ins Rollen brachte, kam nicht geplant. Larissa ist 20 Jahre alt, gerade mit ihrer Ausbildung fertig, bleibt noch ein Jahr im Job – und merkt dann, dass es ihr psychisch nicht gut geht. Sie tritt in eine Tagesklinik ein. Dort passiert etwas, das sie heute noch sehr klar vor Augen hat: «Am Nachmittag gab es verschiedene Materialien, mit denen wir uns beschäftigen durften. Ich habe sechs Wochen lang jeden Tag Speckstein geschliffen.» Stunde für Stunde. Das Geräusch der Feile. Die Bewegung der Hände. «Es war so beruhigend, fast meditativ.» Sie beginnt, ihre Anhänger auf Instagram zu posten. Erste Anfragen kommen rein. Menschen wollen ihre Stücke kaufen. Den Erlös spendet sie an eine Tierschutzorganisation. Was klein beginnt, bleibt.
«In jedem Schmuckstück steckt ein Teil von mir.»
Wenn aus Neugier ein Weg wird
Die Faszination für Steine kommt nicht plötzlich. Schon als Kind bekommt Larissa eine Steinschleifmaschine geschenkt – eines ihrer liebsten Geschenke. Dieses Interesse bleibt. Und als sie später merkt, wie ruhig sie das Schleifen macht, wird daraus mehr. Kein grosser Entscheid. Kein klarer Plan. Eher ein Gefühl, dem sie Schritt für Schritt mehr Raum gibt. Nach der Klinik geht Larissa reisen und kauft ihre ersten eigenen Steine. Trotzdem dauert es noch eine Weile, bis sie sich wirklich traut. Bis zu dem Moment, in dem sie in einem Kursraum steht und ihren ersten Ring in der Hand hält. «Das war ein riesiger Moment.» Ein Traum, der lange unerreichbar schien – und plötzlich real ist.
Lernen ohne klassischen Weg
Larissa ist keine gelernte Goldschmiedin. Und genau das ist gleichzeitig Herausforderung und Freiheit. «Ich habe vieles in Kursen gelernt – die Basics. Und dann einfach geübt.» Immer wieder. Schritt für Schritt. Es gibt Rückschläge. Momente, die frustrieren. Einer davon bleibt besonders hängen: «Beim ersten Versuch, einen Stein zu fassen, habe ich ihn komplett zerstört.» Ein falscher Druck. Ein Moment der Unachtsamkeit. Und der Stein bricht. Danach gibt sie diese Arbeit erst einmal ab. Lässt andere fassen. Erst später wagt sie sich wieder heran. Heute ist genau das einer ihrer liebsten Arbeitsschritte. «Weil es so viel Konzentration braucht, dass kein anderer Gedanke Platz hat.»
Zwischen Werkbank und Wohnzimmer
Wer sich eine Goldschmiedewerkstatt vorstellt, denkt vielleicht an schwere Tische, grosse Maschinen, viel Metall. Larissas Arbeitsplatz sieht anders aus. Am Anfang arbeitet Larissa an einer kleinen, klappbaren Werkbank – wackelig und unpraktisch. Heute steht in ihrer Wohnung ein umgebautes IKEA-Kallax.
«Mein Partner hatte die Idee. Mit klappbarer Holzplatte.» Ein Upcycling-Projekt, das sich perfekt in den Wohnraum integriert. «Wenn er zugeklappt ist, sieht man gar nicht, dass es ein Arbeitstisch ist.» Perfekt ist er nicht. Für gewisse Arbeiten zu tief, nicht ideal zum Hämmern. Aber er funktioniert. Und vielleicht passt genau das zu ihrem Weg: nicht perfekt – aber echt.
Der erste Verkauf – und warum kleine Erfolge zählen
Larissa testet ihre Schmuckstücke zuerst im Laden ihrer Mutter. Sechs Ringe stellt sie aus – eher vorsichtig. «Worst Case hätte ich sie selbst getragen», sagt sie und lacht. Dann passiert es: Ihre Mutter schickt ihr ein Foto. Ein Ring ist weg. Kurz darauf folgt eine Twint-Zahlung. «Ich konnte es nicht glauben.» Zum ersten Mal wird sichtbar: Da ist Interesse. Der erste Verkauf wird gefeiert – gemeinsam mit ihrer Familie. «Ich finde, auch kleine Erfolge müssen gefeiert werden.» Bis heute ist jeder Verkauf etwas Besonderes. «In jedem Schmuckstück steckt ein Teil von mir.»
Vom Zögern zum eigenen Label
Der Gedanke an einen eigenen Shop ist lange da. Aber mit ihm kommen auch Zweifel. «Was, wenn niemand etwas kauft? Was denken die anderen?» Der Wendepunkt kommt in einem Gespräch. Eine einfache Frage:
«Wirst du es bereuen, wenn du es nicht versuchst?»
Larissa weiss die Antwort sofort. Ja. Also macht sie es. Der Name entsteht spontan – in einem Telefonat mit ihrer Schwester. Assiral. Larissa rückwärts. Und so ist Assiral Jewelry geboren. «Ab da habe ich einfach angefangen umzusetzen.» Schritt für Schritt.
Alltag und Kreativität im Gleichgewicht
Larissa arbeitet Teilzeit im Kommunikationsbereich. Ab 2026 in einem 65%-Pensum. Daneben: ihr Schmuck. Für sie ist diese Kombination kein Kompromiss – sondern genau richtig. «Mein Job gibt mir Sicherheit. Und mein Schmuck ist der Ausgleich.» Wenn der Alltag hektisch wird, hilft ihr die Arbeit mit den Händen. «Ich bin dann komplett im Fokus. Alles andere verschwindet.» Und genau deshalb will sie aktuell auch nicht komplett selbstständig sein. Es nimmt mir den Druck. «Ich kann einfach im Flow arbeiten.»
«Aber dann stelle ich mir immer wieder die Frage: Was wirst du darüber denken, wenn du 80 bist und zurückschaust?
